Welpen von Adel

von Brigitte Neuschäfer

Es gibt einen netten alten Spruch, der da lautet: „Alter Adel hält auf Taille, nur der Pöbel frisst sich satt.“ Indes scheinen Hunden menschliche Spruchweisheiten reichlich schnuppe zu sein. Ambro und Aura vom Berghäuser Feld, durch das „vom“ vorm Namen und einen langen Stammbaum als Abkömmlinge alten Adels eindeutig ausgewiesen, haben jedenfalls im noch zarten Alter von einem halben Jahr ihren Hang zur pöbelhaften Völlerei schon hinlänglich unter Beweis gestellt.
Nein, die beiden Weimaraner-Welpen betteln nicht am Tisch ihrer Menschen. Ob sie es im Ahnen um die Zwecklosigkeit solchen Tuns unterlassen oder ob sich unser tierischer Land-Adel zu fein fürs plumpe Betteln ist, sei hier mal dahin gestellt. Sicher ist: In sonst nicht unbedingt selbstverständlicher Einmütigkeit unter Wurfgeschwistern nehmen sie sich gleich selbst, was sie zu ihrem Wohlbefinden haben zu müssen glauben.
Ihr Geheimnis bleibt, warum ihnen jüngst die Lachs-Pastete dazu zwingend erforderlich schien. Wann hätte ein veritabler Jagdhund jemals einen Lachs gestellt? Solcherlei Fragen scheinen Ambros und Auras Gemüt nicht zu belasten. Nur ein kärglicher Rest blieb übrig von der fahrlässig auf dem Herd stehen gelassenen ehemals stolzen Pastete. Rosafarbene Krümel in Auras Barthaaren reichten als Indiz für ihre Täterschaft.
Doch es sollte schlimmer kommen. Es geschah an jenem Tag nach dem üppigen Nachtessen mit Freunden: Auf dem Tisch standen noch die Platten mit den Überresten vom kalt-warmen Buffet, säuberlich abgedeckt mit Alufolie. Unterm Tisch schnarchten, todmüde vom langen Spaziergang, Ambro und Aura. Ein Bild der Idylle. Es mutierte innerhalb weniger Minuten, in denen die Hunde die Küche für sich allein hatten, zum Bild des Jammers: Auf dem Boden die Folie, auf dem Tisch nach wie vor die Platten - leer. Auf der Verlustliste: Sechs mit Schafskäse und Prosciutto gefüllte Tomaten, diverse Zucchini-Plätzchen und Lammhack-Bällchen, des Weiteren sechs Punsch-Ballen und eine Schale voll in Olivenöl marinierter Paprika mit Sardellen und Knoblauch.
Wieder waren es bloße Indizien, die zu den Tätern führten: Ambro stank nach Knoblauch, Aura eher nach Punsch - eine allerliebste Mischung. Die gerechte Bestrafung verbot sich, waren die Welpen doch nicht auf frischer Tat ertappt worden. Die Bestraften waren also wieder mal die Zweibeiner. Sie sah man nächstens schlaftrunken aus dem Haus wanken in vorbeugender Sorge um die Verdauungsorgane ihrer Welpen mit Knobi- und sonstiger Fahne.
Die Sorge mag berechtigt gewesen sein, doch war sie auch überflüssig. Weimaraner-Mägen sind widerstandsfähig. Nur die der dazu gehörigen Menschen knurrten hörbar beim nächtlichen Auslauf. Was soll’s: Alter Adel hält eben auf Taille.......