Karls Post

Liebe Freunde und Verwandte!
Die ganze Zeit hänge ich der Chefin schon in den Ohren mit meinem Gequassel und da hat sie gesagt, ich soll es nun endlich aufschreiben, damit es ein Ende hat mit immer denselben Geschichten und wir mal richtig jagen gehen können ohne mein andauerndes „Weißt Du noch, und daann...“. Manchmal kann sie so eklig sein...
Also: Seit dem Frühjahr sind wir wieder auf den Hundeplatz gegangen und ich habe meine ganzen Kumpels und Freundinnen wieder getroffen. Das war nett, aber wir hatten fast nie Zeit, auch nur einen Nasenstüber zu wechseln, weil wir nur gearbeitet haben. Und die letzten Wochen haben auch die Chefs das Tempo noch angezogen – super war das – endlich haben sie kapiert, was mir am meisten Spaß macht!!! Aber die Chefin war manchmal komisch – so hibbelig und flatterig und streng dabei und oft guckte sie ganz verzweifelt, vor allem im Wald beim Fährtesuchen immer auf die Rückseite der Bäume statt auf den Boden – ich weiß nicht... Manchmal wusste ich selbst fast nicht mehr, was ich nun genau machen sollte.
Letztes Wochenende jedenfalls haben sie schon wieder Taschen gepackt, aber diesmal hatten wir unheimlich viel Wild dabei schon als es losging – und mein Lieblings-Füchschen hatten sie auch aufgetaut. Die Chefin sagte noch zum Chef: „Ich glaube, ich muss sterben!“, was ihn aber nicht weiter erschüttert hat und dann fuhren wir los. Auf der ganzen Fahrt haben sie sich darüber unterhalten, dass sie mich „richtig einstellen“ müssten und wie man das wohl am besten machen könnte – jedenfalls sind wir abends erst mal über endlose Pädkes getigert und am nächsten Morgen hat mich der Chef um Viertel nach Fünf aus dem Nest geschubst – dabei stehe ich doch sonst immer als Erster auf und mache den Flummi. Der Chef ist also im Dunkeln noch mit mir stramm losgejoggt, dann gab’s nur Wasser zum Frühstück und da wusste ich, was los ist: Prüfung natürlich – klar: die hatten doch schon monatelang immer „na, Du Vaugepee-Hund“ zu mir gesagt, wenn sie sich freuten, dass ich was richtig machte!
Die Herrschaft hat dann erst mal gefrühstückt, dann ging’s ins Auto. In einem Wald durfte ich aussteigen, kleinere Geschäfte erledigen und ansonsten warten. Da waren noch zwei Hunde dabei, ähnlich wie ich, mit langen Haaren: auch hübsch! Und eine ganze Reihe von Leuten, die alle Richter hießen – wahrscheinlich sind die Verwandte. Sie haben die Chefin und mich jedenfalls die ganze Zeit begleitet und hinter unserem Rücken über uns geredet, aber meistens freundlich! Überhaupt waren die Menschen alle ganz nett und je länger wir gearbeitet haben, umso lustiger ging es zu – erst waren sie nämlich alle ziemlich angespannt. Seid bloß froh, dass Ihr die Chefin nicht erlebt habt: weiß wie ein Geist im Gesicht – aber wenn ich was gut gemacht habe, hat sie gestrahlt und ich habe von meinen Extraleckereien was bekommen (Apfelstückchen oder gekochte Rehreste in Reis mit Algenpapier drumrum – das essen die Chefs auch manchmal, bloß mit Sojasoße dazu). Gelegenheit dazu gab’s ziemlich oft: erst haben wir Schweiß gearbeitet – ich verwechsel das trotz Riemen immer mit Schleppe und will so richtig Dampf geben, aber die Chefs bremsen mich dann runter. Jedenfalls haben wir das Kitz gefunden mit ein bisschen Bögeln und Zurücknehmen zwischendurch und es gab dafür ein Päckchen „Cesar“ und sehr feierlich einen schönen Eichenbruch für meine Halsung und den Hut der Chefin. Als nächstes mein Lieblingsfach: den Fuchs könnte ich ja den ganzen Tag suchen und bringen, über Gräben, Hindernisse, Baumstämme balancieren! Ich soll nicht so angeben, sagt die Chefin: also: easy geschafft. Dann Kaninschleppe trotz randvoller Blase und deshalb im Überschalltempo zurück, setzen, ausgeben, anleinen und dann endlich Entlastung. Ich hatte nach der Schweißarbeit vielleicht etwas zu viel geschöpft... Bisschen mehr Rücksichtnahme könnte aber auch nicht schaden, ich bin doch Jagdhelfer und nicht Jagdsklave! Aber die Chefin hat sich später entschuldigt bei mir.
Dann ging’s ans Wasser. Ich war jetzt doch müde, muss ich sagen nach all den bisherigen Ereignissen, und als ich dann das Gesicht der Chefin sah, ging es mir ähnlich wie ihr: lauter überhängende Weiden, ein flacher Uferstreifen und gar kein Schilf! Dabei liebe ich Schilf im tiefen Wasser über alles und rackere mich darin so richtig ab: das macht Laune, selbst wenn man müde ist! Naja – wir mussten nehmen, was kommt – also runter die fünf Meter hohe Abbruchkante, sitz auf dem schmalen Sandstreifchen am Rand und ins Wasser – sollte ich. Wenn aber so gar kein Grund erkennbar ist, nicht ein Büschelchen im Wasser, auf das man seine Pfote setzen könnte – man ist ja nicht lebensmüde und springt einfach irgendwo rein! Ich bin dann aber natürlich doch in den See geschwommen – und bekam Witterung von einer Ente. Also raus aus dem Wasser, quer über die Wiese, da lag sie ja: unsere Ente, die wir mitgebracht haben. Die hab ich der Chefin dann gebracht. Brav, oder? War aber nicht das, was Familie Richter sehen wollte... Wieder geschwommen und wieder Enten gewittert: diesmal waren es die lebenden in der Kiste unter den Hecken – sollte ich aber nicht bringen... Wieder ins Wasser und an einer anderen Stelle wieder Witterung: da hing unsere Ente im Baum. Wieder nicht das, was sie sehen hätten wollen. Ich hab dann noch im Wasser gesucht; dann sollte ich aufhören, als ich mich grade warm schwamm. Einer von der Familie Richter hat noch unsere Ente am Teich versteckt, die hab ich dann gebracht. Blöd gelaufen. „Karl, Du Doof!“, hat die Chefin gesagt, aber sie war auch nicht so ganz auf der Höhe – unter uns gesagt! Zwei Punkte zu wenig für den ersten Preis, hat mir die Chefin abends gesagt, aber dass sie mich liebt, stünde auf einem ganz anderen Blatt und da bräuchte ich mir keine unnützen Gedanken drum zu machen. War ich müde! Und ob gepunktet oder gestreift ist mir sowieso egal – ich hab mir mein Abendessen einverleibt und mich auf meine Decke zurückgezogen.
Am nächsten Morgen konnten wir etwas länger schlafen und der Chef hat mich auch nur ein halbes Stündchen bewegt bevor wir ins Feld gefahren sind. War das ein Supertag! Nebel mit Sonne dahinter über den Hecken und überall Fasane und Hasen auf den Feldern – hab ich schon aus dem Auto gesehen! Ich war sooo glücklich! Erst haben wir Hunde nacheinander eine Hecke abgesucht und sollten die Fasane rausdrücken – darf ich sonst nicht, sondern muss stramm durchstehen und die Chefs treten sie raus, aber die Richters wollten wissen, ob wir schussfest sind. Klar bin ich schussfest und am Wild halte ich sowieso, ich bin doch ein Jagdhund, kein ungehorsamer Hetzer... Der Chefin ist trotzdem ein Kommando rausgerutscht – wenn die sich bloß mal auf mich verlassen würde, aber immer stehe ich dann als Depp da! Dabei hat sie auch noch mit dem Schießen getrödelt – was will man von Jungjägern auch erwarten... Egal: es ging später prima weiter. Die anderen Hunde haben gesucht, ich dann auch wieder und am Ende einer Hecke krieg’ ich Witterung, stehe fest und in den Knien gebeugt mit ganz langem Hals – „Karl macht den Pointerjungen“, sagt die Chefin immer dazu – ziehe nach, stehe über dem Fasan unten im Graben, der versucht hochzugehen und ich pack zu. Sofort umgedreht und mit dem wild flatternden Vogel in die Richtung der Chefin – ich konnte ja überhaupt nix sehen – um sie rum und neben sie gesetzt. „Mein Karl!“, hat sie gesagt und mich ganz süß angesehen. Aber ich glaube, sie hat sich erst mal erschreckt, weil sie vergessen hatte, dass wir doch auf der Jagd sind und nicht beim Üben, wo ich nun ganz bestimmt nicht greifen darf! Und so ging’s weiter: Wildwitterung und sichtig überall, die Nebel lichteten sich, die Sonnenfinsternis stand über einem neongelben Senffeld – ich war hingerissen, hab quer und verloren gesucht, Schleppe gemacht und die Chefin war überglücklich! Dann kamen wir an ein Wäldchen und ich merkte gleich, dass Rehwild darin steckt, da stelle ich mich immer ganz stramm und aufrecht mit der Nase in den Wind, damit die Chefs wissen, was los ist – die kriegen sonst wieder nix mit. Ich sollte stöbern. Die Chefin hatte mir vorher gesagt, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt: Entweder ich überwinde mich und gebe sofort Laut, wenn ich an Wild komme, dann darf ich zwei/drei Sätze länger hetzen, damit alle es hören – oder ich muss gleich ins down. Ich hab es nicht geschafft Laut zu geben, aber dafür hab ich am Reh gehalten – das war schon Überwindung genug. Schon wieder Punktverlust – bin ich ein Dalmatiner? Dann hatten wir noch die kleinen Waldfächer zu absolvieren – das war super: Buschieren in einem durchsonnten Buchenwäldchen mit tiefhängenden Ästen, buckligen Hügelchen, feuchten Blättern und einem klasse Fuchsbau – durfte ich aber nicht rein, leider. Abliegen, Treibjagd und alle waren richtig froh.
Die Chefin und die beiden anderen Hundeführer haben hinterher ein neues Jagdsignal gesungen, das heißt „Stein vom Herz“ und geht ungefähr so: tötötö-dong! Noch später habe ich mein Essen bekommen, die Familie Richter und die ganzen Hundeführer kamen zusammen, die Chefin hat einen super Wildbergehaken gewonnen – sie hat ihn mir vor die Nase gehalten und gesagt: „Wenn Du nicht in Zukunft immer und vor allem am Wild kasernenhofmäßig brav bist... Guck nicht so, Du Klosterschüler, das ist Ernst!“ Dann haben wir noch Photos gemacht, sind nach Hause gefahren und ich bin umgefallen wie ein gefällter Baum – haben mir jedenfalls die Chefs so gesagt. Ich habe total entspannt auf dem Rücken liegend gerade noch so mitbekommen, dass es noch ein Schmuseviertelstündchen gab mit prophylaktischer Zecken- und Kratzersuche.
Heute Morgen bin ich ans Bett gegangen, da haben die zu mir gesagt: „Du spinnst wohl, es ist halb sechs!“ Aber das war so schön, die letzten Tage! Und später habe ich erst ein Eichhörnchen laut den Baum hochgejagt und dann einen Hasen laut verfolgt – jedenfalls so weit ich durfte. „Karl, Du Doof!“, hat die Chefin wieder gesagt, „zu spät, jetzt steht „st“ in Deinen Papieren...“ Aber das sagt sie doch auch immer, wenn ich Laut gebe, weil mir die Nachbarn zu viel Krach machen! Wie soll man die Menschen je verstehen?
Euer Karlo vom Münsterland (VGP 2005)