„Alles meins!“

von Brigitte Neuschäfer

Es geschah am hellichten Tag, einem Sonntag, um genau zu sein: Ambro stand neben der großen alten Buche auf der Weide, irgendwie hochkonzentriert. Nicht einmal die Verspieltheit seiner Schwester Aura vermochte ihn wider alle sonstigen Gepflogenheiten unt4re den Welpen von seinem Vorhaben abzulenken. Und dann passierte, was seine gesammelte Konzentration erfordert hatte: Ambro hob das Bein, schwankte auf den drei verbleibenden leicht, hielt jedoch stand und verrichtete, was zu verrichten war. Es war das erste Mal, dass er, dem Urinstinkt (oder Urin-Instinkt?) des Rüden folgend, stehend tat, was er seiner Natur nach nun mal tun muss.
Aura nahm keine Notiz, nur die Zweibeiner empfanden die Andacht dieser Stunde. Und in den Stolz, dass Ambro sich aus der des Rüden unwürdigen Hock-Haltung emanzipiert hatte, mischte sich leise Wehmut: Gestern noch war er unser Kleiner, unser Welpe, verspielt und verschmust wie Tierkinder sind. Und nun ist er plötzlich groß, ein Beinanheber mit nur sieben Monaten. Einer, der stolz markiert, was er fortan als „alles seins“ betrachtet. Einer, der sein Revier absteckt.
Nun geht das Erwachsensein bei dem zweifellos schon recht stattlichen Weimaraner leider nicht so weit, dass er wirklich vernunftbegabt seine Duftmarken absetzt. Schwester Aura bekam’s als Erste zu spüren. Hockt sie sich nieder, tritt Ambro stolz neben sie, hebt das Bein und .....uns bleibt’s überlassen, Auras Langhaar wieder zu reinigen.
Ihr selbst scheint das auch nicht recht zu passen, jedenfalls versuchte sie, dem Rüden zu trotzen, indem sie ihrerseits das Bein anhob. Ging irgendwie daneben. Die Anatomie des Hundes hat eben, ebenso wie die des Menschen, ihre eigenen Gesetze. Obschon es Hündinnen geben soll, die sich wie Rüden gerieren, darf man tierischen Verhaltensforschern glauben. Besonders dominante Mädels seien das eben, verrät die einschlägige Literatur.
Kein Hinweis fand sich darin fatalerweise zu der Frage, warum es Ambro nicht dabei bewenden lässt, das Bein an Sträuchern, Hecken, Bäumen, etc., notfalls auch noch an Wurfgeschwistern zu heben. Es geschah wieder am hellichten Tag, wieder an einem Sonntag, um genau zu sein. Hundeschule im Revier: Zu den bereits bekannten Welpen gesellen sich einige tierische Neuaufnahmen. Ambro gefällt das nur bedingt. Er markiert, was nur irgendwo zu markieren ist, um keine Zweifel aufkommen zu lassen, wer hier der Chef im Rudel ist. Und dann tritt Wolfgang in den Kreis, Lehrer von Hunden und dazugehörigen Vierbeinern. Ambro liebt Wolfgang, hat ihn innerlich zu „meinem Wolfgang“ erklärt. Und zeigt das stolz dem Rest der Welt. Er tritt näher zum Mann, konzentriert sich, hebt das Bein....Gut, dass wenigstens Wolfgang kein Langhaar ist.