Aport Ambro

Apport, Ambro!

Von BRIGITTTE NEUSCHÄFER
Nachbarn auf dem Land kennen sich.
Nachbarn mit Tieren auf dem Land kennen sich besser. Jedenfalls, wenn es sich bei besagten Tieren um Hunde handelt. Und erst recht um Weimaraner. Die sind, einschlägiger Literatur zufolge, von tiefer Arbeitsfreude beseelt. Ambro ist so ein beseeltes Arbeitstier. Mit der netten Folge, dass uns die Legezeiten von Nachbars Hühnern ebenso geläufig sind wie die Schuhgrößen sämtlicher Menschen im Umkreis (jeder möge selbst entscheiden, was das nützlichere Wissen ist). Es verhält sich nämlich so, dass Ambro als nun knapp zweijähriger Weimaraner-Rüde seit geraumer Zeit mit den Aufgaben eines Jagdgebrauchshundes vertraut gemacht wird. Ebenso wie seine Schwester Aura. Nur dass Aura die Sache nicht so tierisch ernst nimmt wie ihr Wurfbruder, der seinerseits mit Passion und Fleiß das waidmännische Handwerk versieht. Kriminelle Ausmaße nimmt das an, seit Ambro das Apportieren erlernte. Was dabei offenbar nicht in seinen Kopf geht, ist die Tatsache, dass dies in Wald und Feld höchst erwünscht ist, andernorts aber nicht unbedingt. Ambro apportiert, was ihm eben in den Fang kommt und dabei den Haushalt von links nach rechts und andersrum. Aus hygienischer Sicht bedenkliche Folgen (um nur einige zu nennen): Der Gartenstiefel findet sich im Bett wieder, der Hausschlappen am Teich. Die Gießkanne kann erfreulicherweise von der Verlustliste gestrichen werden, weil sie unter dem Sofa ausgemacht wurde, während die Socken-Sammlung auf derselben um ein weiteres Exemplar erweitert werden darf. Sollte die Waschmaschine keine Socken fressen (weiß man's?), muss Ambro ein neuerlicher Anfall von Apportierfreude unterstellt werden. Nun hielte sich die Peinlichkeit in Grenzen, hätte der Rüde in seinem Arbeitseifer nicht längst entdeckt, dass eben auch besagte Nachbarn Gartenblotschen im Regelfall vor ihrer Haustür parken. Schön, dass so ziemlich alle wissen, wo sie sie später zu suchen haben: in Ambros Korb wenn's gut geht. Andernfalls lohnt es sich, abermals das Bett zu inspizieren, unseres natürlich. Denn so weit, fremde Betten zu besteigen, lässt der Weimaraner es nun doch nicht kommen. Hoffe, die Nachbarn wissen es zu schätzen ebenso wie den kleinen Plausch, der zur Befriedung der Lage bei reumütiger Rückgabe des Beutegutes unverzichtbar ist. Wirklich ein bisschen zu weit ging Ambro nun, als er sich unter Nachbarin Annedores geliebte Hühner mischte, dieselben unversehrt ließ, dafür aber ein soeben gelegtes Ei heim ins Revier apportierte. Um's kurz zu machen: Das rohe Ei blieb heil. Auf Rückgabe verzichtete Annedore in Anerkennung dieser grandiosen Leistung großmütig. Ihren roten Blotschen hingegen trug sie dankend heim.